HOCH MIT DEM GRÜN

10-08-2010 von Carmen Hocker

 

Wenn ich in Jeans, Wollpullover und Gummistiefeln durch den Garten spaziere, sieht man es mir wahrscheinlich nicht an. Ich habe eine Schwäche für schöne Wäsche. Obwohl unsichtbar, fühle ich mich darin unwiderstehlich, selbstbewusst, bereit für Abenteuer aller Art. Dazu fehlt mir aber der junge Gärtner, der mit nacktem Oberkörper meine Buchenhecke trimmt. So beschränkt sich die Verwegenheit auf meine blühende Fantasie und es ist nur eine Praline, die ich versonnen vernasche. Jedenfalls finde ich, dass die unsichtbaren Dinge oft die kostbarsten sind. Darüber habe ich philosophiert, als ich das letzte Mal in der Stadt war. In einem Schaufenster entdeckte ich ein verlockendes Dessous. Aber es war nicht ausgezeichnet. „Oh je, wenn im Schaufenster keine Preise stehen, dann wird es bestimmt ziemlich teuer sein!“ ging es mir durch den Kopf. Und schon habe ich Skrupel, die Boutique zu betreten. Auch auf die mitleidigen Blicke der jungen Push-Up-Verkäuferin in ihren Röhrenjeans habe ich keine Lust. Dabei hätte mir das Stück schon sehr gefallen. Während ich noch gedankenverloren dahin schlendere, komme ich an einem Blumengeschäft vorbei. Eigentlich komisch, denke ich. Irgendwie hat man sich daran gewöhnt, dass im Blumengeschäft vieles auch nicht ausgezeichnet ist. Deshalb bin ich an der Kasse manchmal etwas überrascht. Vor allem das Schnittgrün vergesse ich meist. Ist aber auch kein Wunder, steht es oft unsichtbar auf dem Boden unter der Werkbank. Wie soll ich es dort wertschätzen? Oder kämen Sie auf die Idee, unter dem Ladentisch einer Lingerie-Boutique nach schönen Dessous zu suchen? Eben, hoch mit dem Grün, präsentieren Sie stolz, was Sie haben. Der Gärtner wäre auch nicht so verführerisch, würde er seinen sportlichen Bizeps unter einem Holzfällerhemd verstecken.

 

Hoch mit dem Grün

 

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